von Andrea Wiesner-Pommer
Ein Pflegehund ist immer eine nervenaufreibende Angelegenheit - jedenfalls meistens -
und viel Arbeit.
Seit April 1999 haben wir in regelmäßigen Abständen einem Schützling aus Spanien
bis zu seiner Vermittlung Unterkunft gewährt. Das ist nicht immer ganz einfach.
Jedes Tier birgt seine kleinen (oder großen) Unarten, Angewohnheiten und Ängste. Und um so
mehr sich ein Hund eingelebt hat, um so sicherer er sich fühlt, um so mehr legt er seine
Charaktereigenschaften offen an den Tag.
Wir hatten gerade die kleine Aula, eine Pflegehündin, die wir ca. 2 Monate bei uns hatten,
vermittelt. Mein Mann, ich und unser alter Hund Siziliano freuten uns auf die nun wieder
hergestellte Ruhe. Wir waren uns einig erstmal keinen Hund mehr in Pflege zu nehmen.
Daß Aula das heilige Stehpult meines Mannes angeknabbert hat, mehrer Tage ihr Geschäft
grundsätzlich nur Zuhause erledigte und unseren Garten in eine kleine Müllhalde verwandelte,
rechtfertigte eine kleine Erholungspause - dachten wir. Natürlich fehlten uns am Morgen
ihre ausgiebigen Begrüßungsrituale, ihre Aufforderungen zum Spielen und Knuddeln, einfach ihre Anwesenheit.
Wir vermissten sie alle sehr.
Die Ruhe blieb jedoch nicht lange. 4 Tage nach Aulas Vermittlung rief mich eine Bekannte an.
Stewart, ein bereits vermittelter Hund, konnte bei seinen Besitzern nicht bleiben. In der
nun untergebrachten Pflegefamilie fühle er sich nicht wohl, höre auf zu fressen und wäre schon
bedenklich abgemagert. Ob wir ihn nicht nehmen könnten.
Mein Mann und ich waren alles andere als begeistert.
Am 30.12.2000 zog Stewart dann bei uns ein. Er war kein besonderer Hund, hellbraun, schlank,
spitze Nase und Ohren - wie ein typischer spanischer Straßenköter eben. Seine Eigenarten,
die er mitbrachte waren jedoch enorm:

Stewart

Da er außerdem Leishmaniose positiv war, stiegen meine Befürchtungen, dass dieser Hund nicht einfach zu
vermitteln sei. Meinen Mann mied er anfangs - Jörg durfte nicht in seine Nähe kommen. Erst
als wir schlafen wollten und Stewart die ganze Nacht durchjammerte, lies er sich von ihm trösten.
Da wir dachten, dass ein Podencomix von Natur aus doch viel Bewegung brauche, ließen wir ihn
früh von der Leine, damit er sich besser austoben konnte. Wir hatte Glück - Stewart kam beim Anblick
eines Leckerchens sofort zurück. Mein Mann fuhr jeden Morgen mit ihm
Fahrrad. Anfangs hielt Stewart keine 10 Minuten durch. Er sträubte sich vielmehr so viel und
schnell laufen zu müssen. Doch von Tag zu Tag bauten sich seine Muskeln auf, er hielt immer
länger durch. Danach war er richtig müde, aber ruhig und ausgeglichen, so dass wir mit der
Erziehung
beginnen konnten. Stewart lernte sehr schnell und gerne. "Sitz", "Platz" und "Komm" hatte er so
schnell begriffen, dass wir ihn fortan nur noch sehr selten an der Leine lassen mussten.
Das Schönste an Stewart war, daß er ein richtiger Langschläfer war. Vor 8 Uhr hörten wir ihn am Wochenende
selten. Doch dann wollte er ausgiebig Gassi gehen, Fahrrad fahren, im Feld nach Mäusen buddeln
und mit anderen Hunden toben.
Von Anfang an war Stewart in der Wohnung sehr ruhig, lag auf seinem Kissen oder in irgendeiner
Ecke. Man konnte völlig vergessen, dass er da war. Streicheln ließ er sich zwar gerne, aber
er kam nie freiwillig um seine Knuddeleinheiten abzuholen.
Heute ist sehr anhänglich geworden. Sobald ich auf den Sofa sitze, versucht das Riesenbaby
auf meinen Schoß zu klettern um sich kräftig durchknuddeln zu lassen.
Seine Angst und Scheu vor Fremden ist übrigens bis heute geblieben.
Er lebt nun schon recht lange bei uns, hat sich fantastisch entwickelt. Aus dem abgemagerten Hund ist ein muskulöser, wunderschöner Rüde geworden. Seine Therapie verträgt er gut, die Blutwerte sind in Ordnung. Er folgt aufs Wort ( na ja, meistens...), kann sich lange alleine im Garten beschäftigen und auch seine Fressgier hält sich mittlerweilen in Grenzen. Er bleibt zwar immer noch nicht alleine, haßt immer noch Autofahren, ist aber ansonsten ein fast perfekter Hund geworden.
Die ganze Familie Wiesner beim Mittagsschlaf
Ein Pflegehund macht viel Arbeit, aber es ist immer wieder schön, die Entwicklung der Tiere zu beobachten, zu sehen, wie sie ihre Ängste abbauen, lernen und das Leben genießen. Ihre große Dankbarkeit gibt uns immer wieder Mut, einen neuen Hund zu holen, um sie dann schweren Herzens in eine neue Familie zu vermitteln. Damit wieder Platz ist für den Nächsten...